Interview mit Matthias Brücken

Interview mit Matthias Brücken

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Vom Bundesligarasen zum Vereinsfußball – unser Frechener Matthias Brücken im Gespräch

Matthias Brücken gehörte in den 1970er-Jahren zum Profifußball in Deutschland. Mit Stationen unter anderem beim 1. FC Köln und Bayer 04 Leverkusen sammelte er Erfahrungen auf höchstem Niveau – in einer Zeit, in der Bundesliga noch ehrlicher, härter und weniger durchgetaktet war als heute.

Im Gespräch mit Max Deutschmann, ehemaliger Jugendspieler der DJK Viktoria Frechen, sowie Martin Wolf entsteht ein lebendiger Austausch zwischen Vergangenheit und Gegenwart des Fußballs.

Im Interview blickt Brücken zurück auf seine aktive Karriere, spricht offen über Druck, Teamgeist und den Reiz des Spiels – und erklärt, warum der Fußball auf Vereinsebene bis heute eine besondere Bedeutung für ihn hat.


Max: Also, ich spreche hier mit dem Matthias Brücken. Guten Tag!

Matthias Brücken: Hallo, grüß Sie.

Max: ich hätte hier einmal elf Fragen für Sie vorbereitet.

Matthias Brücken: Super.

Max: Also dann starten wir mal, ja?

Matthias Brücken: Ja, gern.

Max: Gut, die erste Frage wäre: In der Saison 1978/79 haben Sie in der zweiten Bundesliga Nord 23 Tore erzielt und sind mit Leverkusen aufgestiegen.

Matthias Brücken: Ja.

Max: Was war damals der Schlüssel zu diesem Erfolg?

Matthias Brücken: Schlüssel zum Erfolg war mit Sicherheit die Geschlossenheit der Mannschaft, Bombenkameradschaft, kein Neid, kein gar nichts. Man muss auch fairerweise sagen, wir waren ja die vorherige Saison fast Abstiegskandidat gewesen und haben die drei letzten Spiele dann gewonnen. Und mit der neuen Saison, hier bei Fortuna Köln, wo die absoluter Titelfavorit waren, haben wir auch gewonnen. Und dann war das im Prinzip ein Selbstläufer. Wir sind mit 18 zu 0 Punkten seinerzeit gestartet, war dann so ein Durchläufer, und insofern: Wir haben uns auch leistungsmäßig unheimlich gesteigert. Aber wie gesagt, mannschaftliche Geschlossenheit in der Truppe war sensationell. Tolle Kameradschaft und das hat letztendlich zum Erfolg geführt, sprich Aufstieg in die erste Liga.

Max: Cool, okay. Dann noch passend zu der Saison: Wie wichtig war für Sie der Titel des Zweitligameisters 1978/79 und die Auszeichnung als Vizetorschützenkönig?

Matthias Brücken: Ja, also persönlich war für mich der Erfolg der Mannschaft wichtiger, als jetzt in der Torschützenliste ganz oben zu stehen. Weil ich habe ja letztendlich auch von den Jungs profitiert, die wunderbar aufgelegt haben, und ein bisschen Torinstinkt hatte ich, was letztendlich zum Erfolg geführt hat. Aber der Erfolg – wir waren ja vorher eine graue Maus im deutschen Fußball – der war wesentlich wichtiger.

Max: Mhm, okay. Welche Erinnerungen haben Sie an das Zusammenspiel mit Persönlichkeiten wie Toni Schumacher, Wolfgang Overrath, Heinz Flohr, Herbert Zimmermann, Bernd Kuhlmann, Dieter Müller, Thomas Förster? Können Sie uns eine Anekdote über diese Spieler erzählen?

Matthias Brücken: Also ich würde jetzt nicht zu weit gehen. [lacht] Ich habe ja auch beim FC gespielt, und zwar nach Leverkusen, 1974. Damals Aufstieg von der obersten Amateurliga in die zweite Liga. Und dann hat der FC mich geholt. Lag aber auch daran, weil ich in der Jugend mit den meisten Spielern, die gerade aufgeführt worden sind, in den Auswahlmannschaften zusammengespielt habe.
Anekdoten gab es sicherlich reichlich. Ich kann mich noch entsinnen, wir hatten drei Trainer in dem einen Jahr. In dem ersten Jahr Tschik Čajkovski, dann Rolf Herings und danach Georg Stollenwerk. Čajkovski war die ersten vier Monate Trainer. Wir haben vielfach, wenn wir freitags ins Trainingslager fuhren, erlebt, dass er sich im Bus seiner Kleidung entledigte und sich quer hinlegte. Und wir hatten natürlich nichts Besseres zu tun, als seine Sachen zu verstecken. Und als wir nachher im Hotel angekommen sind, waren natürlich die Sachen weg, und so musste er zwangsläufig mit einem herbeigeholten Handtuch den Gang ins Hotel antreten. Das sind so lustige Geschichten. Andere würden noch zu weit führen, da gibt’s sicherlich noch bessere, aber wir belassen es mal dabei.

Max: Okay. Wie haben Sie Ihre erste Bundesligasaison 1975/76 beim 1. FC Köln erlebt, in der Sie neun Spiele und zwei Tore verbuchten?

Matthias Brücken: Also man muss ja realistisch die Situation einschätzen. Vielleicht war das auch für mich so ein Stüfchen zu hoch, obwohl der Anfang von Erfolg gekrönt war. Ich habe nach dem dritten, vierten Spieltag das erste Bundesligaspiel gemacht, habe dann auch im UEFA-Pokal in Kopenhagen …

Max: Kommen wir gleich noch zu.

Matthias Brücken: … drei Tore gemacht. So hatte ich dann natürlich das Pech, dass ich mir im November/Dezember das Sprunggelenk gebrochen hatte. Wir waren zu dem Zeitpunkt 31 Leute im Kader, und da war es schon eine Gunst, bei dieser Anzahl hervorragender Spieler überhaupt auf der Bank zu sitzen. Da muss man fairerweise sagen: Den Anschluss habe ich nach der zweimonatigen Pause leider verpasst. Deswegen Rückkehr nach Leverkusen. In der Nachbetrachtung war das für mich der richtige Schritt. Aber es war eine tolle Zeit, mit Overrath, Flohr, Cullmann, Löhr, Weber und wie sie alle heißen. War eine tolle Mannschaft.

Max: Okay. In derselben Saison, wie Sie gerade schon selber gesagt haben, haben Sie im UEFA-Cup 1975/76 gegen Kopenhagen drei Tore erzielt.

Matthias Brücken: Ja.

Max: Was nehmen Sie von diesem Spiel mit?

Matthias Brücken: Ja, als Erinnerung natürlich unvergesslich. Wir hatten im ersten Spiel in Köln 2:0 gewonnen und lagen dann nach 90 Minuten in Kopenhagen 0:2 zurück. Auch eine lustige Episode: Auf der Bank saßen meines Wissens Neumann, Glowacz und die ganzen Nachwuchsspieler – und ich. Dann kam Karl-Heinz Thielen von der Tribüne und sagte zum Trainer: „Du musst langsam auswechseln.“ Und der Trainer sagte: „Hier ist keiner, ich hab keinen.“ Dann hat Thielen bestimmt: „Der Mattes kommt jetzt rein.“
Und letztendlich wurde ich von Heinz Flohr super bedient und habe drei Tore gemacht, was zum Weiterkommen gereicht hat.

Max: Leider dann ausgeschieden, aber trotzdem—

Matthias Brücken: Ausgeschieden sind wir in der nächsten Runde.

Max: Genau.

Matthias Brücken: In Moskau.

Max: Genau. Ebenfalls in derselben Saison haben Sie am 3.4.1976 gegen den FC Bayern München im DFB-Pokal gespielt und wurden eingewechselt.

Matthias Brücken: Ja.

Max: Wie haben Sie dieses intensive Spiel und den Hattrick von Gerd Müller erlebt?

Matthias Brücken: Auch das werde ich nicht vergessen. Ich sollte von Anfang an spielen. Als wir vom Warmmachen in die Kabine kamen und ich mein Trikot überstreifen wollte, bekam ich vom Zeugwart gesagt: „Nee, wurde noch mal überlegt, du kommst nachher erst rein.“
Ich bin, glaube ich, beim Stand von 0:4 – wir haben ja 5:2 verloren – reingekommen. Von draußen muss ich sagen: Die hatten ja eine super Mannschaft mit Beckenbauer, mit der Achse Maier, Beckenbauer, Müller vorne drin. Sensationell. Als Stürmer guckt man natürlich auch auf den Konkurrenten im vorderen Bereich, sprich Gerd Müller. Sensationell, wie der sich bewegt hat – nicht viel, aber so intensiv, dass er sich in Sekundenbruchteilen frei zum Schuss gearbeitet hat und dann erfolgreich war. Weltklasse.

Max: Sie haben neben Gerd Müller auch gegen weitere große Namen gespielt: Sepp Maier, Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge, beim HSV Kevin Keegan, Felix Magath, Paul Breitner, auch gegen einen jungen Lothar Matthäus. Welcher Gegenspieler war für Sie am schwierigsten?

Matthias Brücken: Am beeindruckendsten war für mich Beckenbauer. Situation will ich auch mal erklären: Erstes Spiel von Leverkusen in München, 3:0. Ich kam nach 16 Minuten rein, ein langer Ball wurde geschlagen. Ich hinterher mit Schwarzenbeck, und plötzlich kam von der Seite Beckenbauer, hat den Ball mit der Fußspitze genommen, über uns gehebt und ganz lässig einem Mitspieler zugespielt. Das war für mich so beeindruckend, dass ich bestimmt 15 Sekunden sprachlos auf dem Platz stand und dachte: Das ist außerirdisch.
Als direkter Gegenspieler war aber Schwarzenbeck schon eine Granate. Früher gab es auch Kaliber wie Heinz Simmet, gegen den hätte ich nicht spielen wollen – da brauchtest du drei Paar Schienbeinschoner, so hat der versucht, dir die Motivation zu nehmen. [lacht] Aber Beckenbauer war schon der Beste.

Max: Gab es ein Spiel in Ihrer Karriere, das Sie persönlich als Ihr bestes oder prägendstes Spiel bezeichnen würden?

Matthias Brücken: Ja, zwei Spiele im Prinzip. Erstens ein Spiel in der zweiten Liga: Wir waren fünf Spieltage vor Schluss fast durch, mussten aber noch einen Punkt holen. Ausgerechnet gegen Uerdingen zu Hause. Vorher sollte es keine Feierlichkeiten geben, aber als wir ankamen, war das Stadion rundherum schon mit Buden und Getränkeständen aufgebaut.
Und wie es kommen musste: Zur Halbzeit lagen wir 0:2 zurück, kurz danach 0:3. Dann haben wir alles nach vorne geworfen und noch den einen Punkt geholt, 3:3, wobei ich zwei Tore gemacht habe – das 3:3 kurz vor Schluss. Das bedeutete den Aufstieg.
Und natürlich das Spiel in Kopenhagen mit drei Toren. Das waren die Highlights.

Max: Wie hat sich der Fußball aus Ihrer Sicht seit den 1970er-Jahren bis heute verändert, besonders für Stürmer?

Matthias Brücken: Gravierend. In der Athletik, in der Schnelligkeit, in der Passgeschwindigkeit, in der Technik. Wenn man heute sieht, wie die Jungs angespielt werden und der Ball keinen Zentimeter vom Fuß springt – Chapeau. Hat sich super entwickelt. Aber leider ist alles auch stärker in ein taktisches Korsett gepresst worden. Früher war das Spiel gemächlicher, man hatte mehr Räume, vielleicht für den Zuschauer interessanter.

Max: Welchen Rat würden Sie jungen Spielern geben, die davon träumen, Profi zu werden?

Matthias Brücken: Die wichtigste Sache ist die Schulausbildung. Selbst bei großem Talent schaffen es nur wenige. Wer sich nur auf Fußball beschränkt und es nicht schafft, landet schnell im Abseits. Deshalb immer auch eine vernünftige Schul- und Berufsausbildung im Rücken haben.

Max: Jetzt als letzte Frage: Sie sind bekennender Leverkusen-Fan und besitzen sogar eine lebenslange Dauerkarte mit eigenem Parkplatz am Stadion. Was war für Sie persönlich das Besondere am Titelgewinn von Bayer Leverkusen in der Saison 2023/24 unter Trainer Xabi Alonso?

Matthias Brücken: Ein bisschen vergleichbar mit der Situation 1978/79. Anfängliche Erfolge haben dazu geführt, dass ein Selbstläufer entstanden ist. Die Mannschaft hatte hervorragende Einzelspieler, die im System gepasst haben, mit klarer Hierarchie und scheinbar ohne Neid. Der Fußball war sensationell, und wir haben ja in der Zweiten Bundesliga kein einziges Spiel verloren. In der Nachbetrachtung muss man sagen: sensationell. Es hat auch alles gepasst mit Alonso, die Spieler haben seine Vorgaben akzeptiert, und dadurch gab es eine unheimliche Verbesserung zum Vorjahr.

Max: Hätten Sie damit gerechnet, dass Xabi Alonso dann beim nächsten Verein Real Madrid nicht so eingeschlagen ist und sehr schnell wieder gehen musste?

Matthias Brücken: Man hat ihn gewarnt. Er hat klare Vorstellungen, die er der Mannschaft überträgt. In Madrid ist das wesentlich schwieriger, den Stars zu sagen, dass sie auch nach hinten arbeiten müssen. In Leverkusen hat das geklappt, in Madrid sind die Starallüren scheinbar so groß, dass der Spieler mächtiger ist als der Trainer. Und das ist das Problem.

Max: Ja. Gut, das wären dann jetzt alle Fragen. Vielen Dank, ein sehr schönes Interview.

Martin Wolf: Hast Du abschließend noch ein paar aufbauende und versöhnliche Worte für die DJK Viktoria Frechen ? Du weisst, daß der älteste reine Fußballverein aus Frechen ist in den letzten Jahren schwer ins taumeln gekommen ist.

Matthias Brücken: Auch wenn Viktoria Frechen seit einiger Zeit „strauchelt“. Aber jeder Tiefpunkt kann als Neuanfang definiert werden, wenn Herzblut, Zusammenhalt und der Glaube an bessere Zeiten im Verein gelebt werden. Daher wünsche ich den Verantwortlichen des Vereins ein gutes Durchhaltevermögen, damit Viktoria Frechen wieder eine gute Adresse im Rhein-Erft-Fußballkreis wird

Matthias Brücken: Nichts zu danken.

Matthias Brücken wird der DJK Viktoria Frechen zukünftig beratend zur Seite stehen.

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